[Solanas] Was es heißt, in „Zeiten von Corona“ Texte zu schreiben. Und für welche Texte jetzt der falsche Zeitpunkt ist.

Slavoj Žižek hat unter dem Titel Pandemic. Covid–19 shakes the world einen theoretischen Text über Corona geschrieben. Auf dem Buchcover gehen die Begriffe „Pandemic“ und „Panic“ graphisch ineinander über. Und in den Komplex von Panik und Pandemie katapultiert sich auch Žižeks im April erscheinendes Buch. Liest man sich durch den Klappentext und das Exzerpt von Pandemic, wird deutlich: Žižek nimmt die weltweiten Reaktionen auf die Covid 19–Pandemie zum Anlass für kapitalismuskritisch und psychoanalytisch motivierte Analysen.
Ich muss zugeben, dass ich Pandemic inhaltlich zu diesem Zeitpunkt nicht präziser zusammenfassen kann, denn ich habe es nicht gelesen. Ich muss aber auch zugeben, dass es mir für den Moment eigentlich nicht darum geht, was in Žižeks Buch steht. Dem ich, fürs Protokoll, durchaus kluge Gedanken und differenzierte Analysen zutraue.
Es geht mir um die Frage, wie ich mich zu seiner Produktion von Corona–Theorie als einer Handlung verhalte. Und zum Zeitpunkt dieser Handlung. Denn Žižeks Buch kommt mir wie eine zu schnelle Reaktion vor. Wie ein Text, der zu schnell aus dem Arm geschüttelt, geschossen kam. Einem Arm, der abwehrt.
„Žižek leaves no social or cultural phenomenon untheorized, and is master of the counterintuitive observation”, schreibt der New Yorker auf dem Buchrücken von Pandemic.
Mich macht diese Rezension nachdenklich.
Muss die Produktion von Theorie über Corona zu diesem Zeitpunkt, zu dem sich das Ausmaß der Pandemie angesichts der Gegenwart der Erkrankten und den viel zu vielen Menschen, die noch zu erkranken drohen, nicht abschätzen lässt, nicht vielmehr als eine seltsame Reaktion der Distanzierung erscheinen, frage ich mich. Und was soll hier „gemeistert“ werden? Wenn von „Meistern“ gesprochen wird, muss ich an Bewältigung im Sinne einer Abwehr denken.
Žižeks Theoretisierung von Corona kommt mir wie eine Verdrängung der realen Ängste derjenigen vor, die arbeitslos geworden sind oder es noch zu werden drohen, die keine sichere Unterkunft haben, keine Möglichkeit des „sozialen Abstands“, des Infektionsschutzes und der medizinischen Versorgung. Deren Rechte und Gesundheit gerade nicht sichergestellt werden kann, wie im Fall der Flüchtlinge auf Moria und Lesbos, aber auch vieler Menschen, die überall auf der Welt am Existenzminimum leben.
Slavoj Žižek ist nicht der einzige und der erste, der die Potenz der eigenen Theorie unter Beweis stellte, indem er, weil er kann, Corona in eben den eigenen theoretischen Diskurs einverleibt. Auch Giorgio Agamben tat sich vor wenigen Wochen unverhofft durch eine inhaltlich zwar ganz andere, aber symptomatisch doch sehr ähnliche Reaktion hervor (und wurde bemerkenswerterweise in einem Beitrag Žižeks in der NZZ für seine Interpretation staatlicher Maßnahmen gegen das Coronavirus kritisiert). Symptomatisch erscheinen mir die Reaktionen von Žižek oder Agamben, weil ich den mulmigen Verdacht habe, dass sie zu schnell vorgefertigte Analysemuster und Formen der Kritik anwenden – um das Coronavirus durch Theorie zu verarbeiten. Es sind nicht die Analysen und die Kritik an dem herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem oder am staatlichen Autoritarismus, die dabei problematisch sind. Problematisch ist der Wunsch nach Verarbeitung. Denn auch Analyse und Kritik können zur Bewältigung und Verdrängung all dessen werden, was uns zu diesem Zeitpunkt überfordert und was nicht abzusehen ist. Was schlichtweg noch nicht verarbeitet werden kann.
Die Text–Produktion von Pandemic hingegen stellt eine gewisse Arbeits- und Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis, die eigentlich nicht in der kapitalismuskritischen Intention des Autors liegen kann. Solidarität mit den Kranken, Schwachen, den Arbeitslosen und ja, auch mit denjenigen, die begründete Ängste haben, sieht jedenfalls anders aus.
Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für eine Theorie über Corona. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich Zeit zu lassen, bekannte Analyse- und Reproduktionsmuster auszusetzen. Das heißt nicht, dass man in diesem Zeitlassen untätig sein muss oder keine Texte schreiben kann, im Gegenteil. Nur dürfen diese Texte nicht selbst zum Instrument der Abwehr all dessen werden, was sich nicht bewältigen und verarbeiten lässt. Krankheit, zum Beispiel. Oder Ängste. Denn es lässt sich kapitalismuskritisch und auch psychoanalytisch über Krankheit und unseren (zuweilen pathologischen) Umgang mit Krankheit nachdenken. Sigmund Freud hat hierzu einige sehr interessante Bemerkungen in einem kurzen und lesenswerten Text „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ (1914) verschriftlicht. Im Kern geht es Freud um die Erkenntnis, dass das Zeitlassen und Zuwarten dazu beitragen kann, zu einem Bewusstsein über die eigene Krankheit zu finden.
Auch das gegenwärtige Schreiben von Texten, die Artikulation von Beobachtungen und Erfahrungen kann dabei helfen, ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen, in der wir uns befinden. Ein Bewusstsein über das Ausmaß und die Konsequenzen von Covid–19 und ein Bewusstsein für die Krankheit des Kapitalismus. Diese Texte müssen nicht einen an Theorie geschulten Blick aufgeben, sie können weiterhin beobachten, analysieren und kritisieren. Ich plädiere lediglich dafür, sich im Schreiben von Texten mehr Zeit zu lassen. Für die Erfahrungen und Eindrücke anderer, für Unsicherheiten und für das Fragenstellen. Denn zur Zeit wird vieles infrage gestellt.

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