[Robespierre]: Die Ordnung der Corona-Antworten. Eine Annäherung
In den letzten Tagen diskutiere ich Corona intensiv mit Genossen
aus Indien und Brasilien. Dabei fällt mir auf, wie ungeordnet mein europäischer
Blickwinkel auf Corona ist. Eine Unordnung, die dazu beiträgt, Corona politisch
nicht treffend einordnen zu können.
Bevor ich diese Woche einige der zentralen Punkte aus den
Diskussionen mit den Genossen aus dem globalen Süden hier präsentiere, werde
ich daher heute eine kleine, vorläufige Ordnung der möglichen Reaktionen auf
Corona vornehmen und ein bisschen über die politischen Implikationen dieser
Ordnung nachdenken.
Gehen wir also systematisch vor.
Es gibt zwei ganz grundsätzliche Reaktionen auf Corona, die oftmals
so nicht gedacht werden: Man kann die Seuche als das akzeptieren was sie ist,
oder man kann sie leugnen.
Leugnen (0)
Die Möglichkeit, Corona zu leugnen, scheint uns vielleicht
erst einmal absurd (und diese Antwort auf Corona ist es auch, keine Frage),
aber wir sollten uns nicht täuschen. Die Corona-Leugner (wobei ich Leugnung in
einem weiten Sinn verwende), sind zwar vorerst nicht in der Mehrheit, doch eine
bedeutende Minderheit stellen sie auf jeden Fall dar.
0.a. : Dabei gibt
es zunächst die Möglichkeit der ganz grundsätzlichen Leugnung, das heißt, man
nimmt die Nicht-Existenz von Corona
an: Diese Position scheint auf den ersten Blick eine Randposition zu sein, sie
beschränkt sich auf Verschwörungstheoretiker aller Art. Doch sollten wir uns
vor Augen halten, dass in der westlichen Welt VTler insbesondere auf rechte und
rechts-extreme Bewegungen einen großen Einfluss ausüben, QAnon beispielsweise
ist eine Kultfigur unter hardcore Anhängern von Trump. Hinzu kommen religiöse Fanatiker, insbesondere
radikale Christen und Muslime, die verschiedentlich Corona leugnen (in der
Türkei scheint es, Genossen zufolge, Prediger zu geben, die bspw. erklären, es
gäbe ein „Türkengen“, das vor Corona schütze) und also einen gewissen Einfluss
ausüben.
Charakteristisch für (0.a.) ist, dass diese Position
(zumindest meines Wissens) von keinem staatlichen Agenten so vertreten wird.
Diese Position (darin spiegelt sie (3), als deren faschistisches Äquivalent sie
zu lesen ist) ist im wesentlichen durch nicht-staatliche Agenten getragen und
formuliert sich häufig in digitalen Räumen, verbreitet und zum Teil verbalisiert
durch kleinere Gruppen oder einzelne Aktivisten.
0.b.: Ist eine wesentlich
verbreitetere Abwandlung von (0.a), die vermutlich jeder schon gehört hat: Zwar
gibt (0.b) zu, dass es Corona gibt, doch wird die Seuche verharmlost, zumeist
mit dem Verweis auf die saisonale Grippe. Corona sei doch nicht schlimmer als
eine Influenza.
(0.b) geht ungesagt mit diesem Punkt
von einer sozialdarwinistischen Grundeinstellung aus, ist also (1) anverwandt,
ja: es handelt sich hier gewissermaßen um die radikalisierte Variante von (1): Denn
in der Erklärung, Corona sei wie eine Influenza, die Todeszahlen nicht
aussagekräftig, steckt die Annahme, dass die Todesfälle, die sich nun ereignen,
zu verschmerzen wären. Die Corona-Toten werden als nicht betrauernswert, das
Leben der Risikogruppen als nicht schützenswert deklariert.
So kann es nicht überraschen,
dass (0.b) häufig mit offen rassistischen Erzählungen (sei es anti-chinesischer
Rassismus („Flederauscurry“), sei es in der
intellektuelleren Variante von Bolosonaro, der die Lehre der nationalen Klimate
wiederaufleben lässt, wenn er erklärt, Italiens Klima sei schuld an den vielen
Corona-Toten) und Übermenschenfantasien (derselbe Bolsonaro erklärt, da er
Athlet gewesen sei, könne ihm Corona nichts anhaben) einhergeht.
Rechtsextreme Regierungen wie
jene von Bolsonaro in Brasilien oder Erdogans Türkei stehen für diese Position,
in Teilen wohl auch die Trump-Administration. Daneben gibt es einige regressive
Linke, die diese Position ebenfalls teilen, wenn auch kaschiert mit der Sorge
um das Bürgerrecht und die Demokratie.
Sozialdarwinismus (1)
Wenn man nun annimmt, dass es
Corona gibt – also auf Seiten der Vernunft steht- so gibt es im Groben drei
Antwortmöglichkeiten, die im Grunde alle Varianten biopolitischer Politikansätze
sind.
Die erste Position vertritt heute
noch die Regierung Johnson im UK, wurde aber bis vor wenigen Wochen von fast
allen europäischen Regierungen geteilt: Man nimmt an, dass man Corona eh nicht
aufhalten könne und es notwendig sei, durch Durchseuchung der Bevölkerung,
Herdenimmunität herzustellen. Corona wird also als ein unvermeidbare Übel,
durch das man hindurch müsse, gelesen.
Diese Position ist klar
sozialdarwinistisch: Zwar ist Position (0.b) und (2.a) ebenfalls
sozialdarwinistisch, doch spielen in (1) sozialdarwinistische Überlegungen eine
zentrale Rolle. Die Rationale besteht nämlich darin, dass der Volkskörper, der
stillschweigend angenommen wird, durch das Erleiden der Krise gestählt werden muss,
dass also, anders gesagt, der Tod der Alten, Schwachen und Armen nicht nur hingenommen
werden muss sondern begrüßt werden kann. In dieser Hinsicht äußerten sich
Schreiberlinge reaktionärer Blätter im Vereinigten Königreich, es sei gut, wenn
nun unproduktive Teile der Bevölkerung, von der Seuche gekeult würden.
Diese Antwort ruht also auf zwei
Säulen: Einerseits wird das Staatsvolk als ganzes als Körper angesehen, den es
zu immunisieren gilt, andererseits werden die einzelnen Körper des
Staatsvolkes, nach Wertigkeit sortiert, wobei die Produktivität das entscheidende
Kriterium ist. Wer unproduktiv ist, ist wertlos und darf (ja: muss) sterben im
Namen der Stärkung des Volkskörpers.
Diese Position ist gleichermaßen
rechtsextrem und neoliberal. Sie wird von einigen rechten Regierungen vertreten
(wenn auch nicht mehr so ausgesprochen) und findet hier in Deutschland Anklang
zum Beispiel bei Vertretern der FDP und der bayerischen FW, die offen andeuten,
die „Rettung“ der „Wirtschaft“ sei wichtiger als Menschenleben. Und damit genau
das meinen: Der Tod der Alten und Schwachen für das Kapital sei hinnehmbar.
Staatliche Biopolitik (2)
Die Position (1) geht in Positionen
über, die ich, in Ermangelung eines besseren Wortes, staatliche Biopolitik
nenne. Nun sind all die Positionen und Maßnahmen, die wir hier diskutieren,
biopolitisch, aber es gibt Maßnahmen und Reaktionen auf Corona, die zum einen
dadurch gekennzeichnet sind, dass sie explizit auf die Erhaltung jedes Lebens
(oder so vieler Leben wie irgend möglich) und zweitens um den Staat als Agent
zentriert ist, beziehungsweise den Staat als Agent aufruft: In Abkehr von
neoliberalen Fantasien („Der Markt regelt alles“) setzt sich der Staat als ein
Akteur, der durch massive Eingriffe ins Leben und in die Wirtschaft das Leben
bewahrt. Dabei werden auch von konservativen und neoliberalen Regierungen
Maßnahmen umgesetzt, die bis vor wenigen Wochen nur mehr wenige Randströmungen
der Sozialdemokratie fordern konnten.
Diese Position zerfällt wiederum
in zwei.
2.a: Reaktiv: Dies ist die Mehrheitsposition der europäischen
Nationen und bedingt der USA. Man hofft durch social engineering, die fehlende
Impfung zu ersetzen. Social Distancing ist dabei das Mittel der Wahl und wird
aggressiv beworben und mittels ordnungspolitischer Eingriffe in die
Gesellschaft und das Zusammenleben erzwungen. Die Sphäre des Staates dehnt sich
aus, Bereiche, die vor Wochen noch nicht Aufgabe des Staates waren: Zusammenleben,
Freizeitgestaltung, sogar zunehmend die unmittelbare Produktion.
Die reaktive Staatsbiopolitik
zeichnet aus, dass sie erstens Corona ebenfalls als Unvermeidbarkeit ansieht,
auf die zweitens nur reagiert werden kann durch eine konzertierte Aktion des
Staates. Drittens wird dabei der Zwang zum Handeln dem Individuum angelastet.
Wenn Merkel etwa an das Gewissen der Bürger appelliert, daheim zu bleiben, oder
wenn Söder die Bayern lobt, die Verordnungen
gut einzuhalten, dann spricht daraus die Aussage, der Schutz des
Einzelnen oblige den Einzelnen. Die Vereinzelung als Maßnahme des social distancing
ist auch Methode und theoretische Grundlage: Jeder trägt die Verantwortung zur
Durchsetzung des lockdowns. Der eigene Körper wird damit zur Angelegenheit des
Staates, und jeder einzelne Körper zum Ort, an dem um die Volksgesundheit
gerungen werden muss.
Dieses Eindringen des autoritären
Staatsprinzips ins Eigene des Körpers beantworten die Staatssubjekte (besonders
solche mit analer Veranlagung) durch eine Identifikation des Staates mit dem
Vater: Wie allzu brave Kinder einst erklärten: Wenn wir nicht brav sind, gibt’s
Stubenarrest, liest man so nun in den sozialen Netzen anale Botschaften wie. „Ich
war in X. Dort beachteten die Leute die Ausgangssperre nicht. Leute! Wenn ihr
nicht mitmacht, dann kriegen wir noch härtere Ausgangssperre!!!!“
Vater Staat wird hier zum
drohenden Papa.
(2.a.) ist im Wesentlichen die
Position der zentristischen Regierungen, die zwar nicht ganz vom
Neoliberalismus abfallen (denn nach wie vor, steht das Individuum im Zentrum
der Politik), die aber nun einen spontanen Notfall-Keynesianismus implementieren.
Dabei neigt diese Position aber zum Teil auch ins faschistische. Modis „peoples
lockdown“ etwa oder die Maßnahmen der Regierungen Polens oder Ungarns folgen
der Logik von (2.a.), nutzen die Situation aber zum Staatsstreich, bzw. zur weiteren
Festigung der Macht.
Dem entgegen steht (2.b): aktive Antworten auf Corona
Diese Position kann man als die
sozialdemokratische Antwort verstehen. Im großen und ganzen ändern sich hier nicht
die Maßnahmen noch das Ziel der Politik, sondern die Gewichtung und die Zielrichtung
der Maßnahmen ist anders: Die sozialdemokratische Antwort besteht darin, mit
massivem Staatsinterventionismus, Corona aktiv zu begegnen und die Todesrate
auf diese Weise so niedrig als möglich zu halten.
So werden zwar auch umfassende
Quarantänemaßnahmen durchgeführt, darüber hinaus aber gibt es Handlungen des
Staates, die die Krise reduzieren und gleichsam aktiv angehen: Sei es, dass,
wie in der VR China etwa, systematisch Krankenhäuser errichtet werden, um das
Gesundheitssystem am Laufen zu halten, sei es, dass wie in Südkorea,
Massentests ein Ausbreitend er Krankheit verhindern.
Anders als (2.a) sind diese
Maßnahmen dabei wesentlich kollektiver und wesentlich mehr auf den Staat als
Agenten ausgelegt. Nicht das Individuum trägt Verantwortung für den Volkskörper,
sondern der Staat ist dem Individuum verpflichtet. (Etwa die Gesundheitsversorgung
sicherzustellen, notfalls indem ein Krankenhaus in 10 Tagen errichtet wird). Die Sprache in der Corona angegangen wird, ist
dann im Wesentlichen eine des nationalen Notfalls, die der Staat als Agent der
Nation und des Volkes lösen wird.
Diese Position, die vorerst
erfolgreichste, wird von asiatischen Ländern, insbesondere der VR China und
unter Umständen, dies wage ich aber noch nicht zu beurteilen, von Schweden
vertreten wird. Sie ist meiner Meinung nach in letzter Instanz kein wahrer
Gegenentwurf zu (2.a), stellt aber eine graduelle Verschiebung dar.
Populare Biopolitik (3)
Diese Position ist noch sehr vage. Sie
tritt auf, wenn etwa Gangs in Brasilien die Quarantäne mit Gewalt erzwingen,
wenn in westlichen Metropolen, kommunistische Gruppen Solidaritätsnetzwerke
bilden, wenn gewaltsam von Militanten Häuser beschlagnahmt werden, damit
Obdachlose unterkommen, wenn Essen verteilt wird, Hygieneartikel, sich subkutan
und vorerst in Mikropolitiken militanten Solidarität organisiert.
Die populare Biopolitik ist
vorerst noch nicht klar zu fassen. Meist handelt es sich um unartikulierte
Formen von Mikropolitiken, in Stadtteilen und Städten. Und meine Angst ist,
dass diese Zersplitterung bestehen bleibt.
Dennoch: Es gibt nun die
Möglichkeit der Herausbildung eine Front gegen die rechten und sozialdemokratischen
Antworten auf die Krise, die die Krise nützt, um zu einer neuen Macht zu
werden. Diese Position ist biopolitisch, da es ihr erstens darum geht, das
Leben aller zu schützen und da sie zweitens zu einer Macht des Lebens selbst
wird. Gerade für diejenigen, deren Leben (1) und (2.a.) als nicht
betrauernswert erscheint. Diese versorgt (3), artikuliert ihr Interesse, hilft
ihrem Überleben.
Wie (0.a.) ist diese Position von
keiner staatlichen Macht vertreten, sie ist im wesentlichen Position militanter
Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen. Es käme darauf an, sie genauer zu
erforschen, sie zu artikulieren und sie zu vernetzen, damit aus Mikropolitiken
in der Tat eine internationale Bewegung werden kann.

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