[Saint-Just] Wider die Herrenvolkdemokratie. Anmerkungen zu Merkels Ansprache
Die
Bundeskanzlerin appelliert an die Solidarität der Bürger, während am gleichen
Tag weitere Abschiebungen nach Afghanistan erzwungen werden und die humanitäre
Aufnahme schutzbedürftiger Geflüchteter am Mittelmeer verweigert wird, während
am gleichen Tag in Rüstungsunternehmen ArbeiterInnen der Ansteckungsgefahr
ausgesetzt werden, während am gleichen Tag sich die unbezahlte Arbeitsbelastung
für Frauen* weiter intensiviert. Eine Solidarität, die an den Grenzen der Herrenvolk-Demokratie,
des Haushalts und den Produktionsstätten zerschellt, ist nur das rassistische,
misogyne und arbeiterfeindliche Gemeinschaftsgefühl einer sozialdarwinistischen
Volksgemeinschaft. Das gerade beschworene Wir-Gefühl darf nicht zu Ausschlüssen
führen oder die Logik „unsichtbarer Arbeit“, wie die der Frauen*, die nun daheim arbeiten und
zum Erhalt der Gesellschaft den größten Dienst beitragen, reproduzieren, auf
der die kapitalistische Produktionsweise und Profitlogik aufbaut. Die
Solidarität muss ausnahmslos allen gelten.
Freilich will
die Achse der Anständigen „unsere“ Ältesten gegen die Konsumgeilheit
verantwortungsloser Jugendlicher verteidigen. Aber jene, denen die
Zugehörigkeit zum deutschen Volkskörper verweigert wird – Migrant*innen,
Kranke, Gefangene, Fabrikarbeiter*innen, Arme, Obdachlose – leiden unter der
radikalsten Ausgrenzung. Sie waren unsichtbar und bleiben unsichtbar. Und diese
Unsichtbarkeit ist tödlich. In der Wohlstandsarroganz sonnenbadender Yuppies,
aber ebenso in den Schimpf-Videos deutscher Prominenter, die sich in ihren
Luxuswohnungen über den „dummen“ Pöbel ereifern, schwingt auch praktisch
gewordener Klassenhass auf die unfreiwilligen Lohnsklaven dieser
Klassengesellschaft mit.
Die
Corona-Pandemie ist nicht lediglich eine Gesundheitskrise. Sie stellt eine
Krise gesamtgesellschaftlichen Ausmaßes dar, die ihre Wurzeln in der
Unmenschlichkeit der kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse
hat. Aber der Widerstand gegen den praktischen Sozialdarwinismus des aktuellen
Krisenmanagements regt sich. Im Baskenland haben bereits 5000
streikende Arbeiter und Arbeiterinnen in Mercedes-Werken eine Stilllegung der
Produktion gefordert und für das Recht auf ihre körperliche Unversehrtheit
gestreikt. Ja, in der Automobilindustrie überhaupt kommt es nur deswegen
endlich zum Produktionsstopp, weil die Konzernleitungen einer Verallgemeinerung
von Streikaktionen in den Betrieben zuvorkommen wollten. In Großbritannien
wiederum protestieren Pflegekräfte gegen den staatlich sanktionierten
Massenmord an der Bevölkerung.
Zugleich
organisieren sich überall auf lokaler Ebene Solidaritätsaktionen, die ihre
Hilfsbereitschaft auch als politischen Protest an den herrschenden Zuständen
verstanden wissen wollen. Diese Solidarität ist praktisch gewordene
Kapitalismuskritik und sollte keine staatstragende Funktion übernehmen. Denn
das kapitalistische System ist unfähig Lösungen für die aktuelle Pandemie zu
finden. Es ist an uns der arbeiterfeindlichen und rassistischen Antwort auf die
Krise eine alternative Perspektive entgegenstellen, die die Unfähigkeit des
Kapitalismus benennt, die Bedürfnisse und Unversehrtheit der Menschen in den
Vordergrund zu stellen. Der Kapitalismus jedenfalls ist aufgrund seines blinden
Zwangs zur Profitvermehrung nicht in der Lage dazu, die öffentliche Gesundheit
zu gewährleisten. Die Kapitalverwertung ist stets absolut gesetzt. Dem
Gesundheitssystem oder der allgemeinen Daseinsfürsorge hingegen wird stets nur
ein sekundärer Wert beigemessen, insofern die Reproduktion des Systems der
Lohnarbeit (als Quelle der Mehrwertproduktion) garantiert werden muss.
In mehreren
Ländern wird nun eine Re-Nationalisierung grundlegender sozialer Dienste in
Betracht gezogen. Die neoliberale Dogmatik der vergangenen Jahrzehnte steht in
Zweifel. So soll die Privatisierung des Gesundheitssektors rückgängig gemacht
werden. Jedoch heißt es auch hier die Stoßrichtung dieser Maßnahmen zu befragen.
Sie müssen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung umgesetzt werden. Denn das
Kapital ist ebenfalls auf dieses Krisenmanagement angewiesen. Deswegen stellt
sich auch hier die Verteilungs- und Eigentumsfrage. Die Kosten für die
Bekämpfung der Pandemie müssen durch die Konzerne und eine massive Kürzung der
Rüstungsausgaben getragen werden. Ebenso müssen wir gegen jeden Abbau von
Arbeitnehmerrechten protestieren, der durch die Intensivierung der Tele-Arbeit
bzw. des home office vonstattengeht.
Die Vergesellschaftung der Produktion muss verstätigt werden. Sie darf, wie
bereits gesagt, nicht zur Vergesellschaftung der Verluste und Privatisierung
der Gewinne führen.
Wir
fordern das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei voller Lohnauszahlung.
Wir
fordern bedingungslose Ersatzleistungen zur Kompensation von Verdienstausfällen.
Weiterhin fordern wird, dass alle Kündigungen während der Pandemie ausgesetzt
werden.
Denn während wir
zum „social distancing“ animiert werden, wird in den Produktionsstätten des
Kapitals nach Möglichkeiten gesucht, um Kosten durch Entlassungen oder ominöse
Formen der „Kurzarbeit“ einzusparen. Auch sollten wir die Aussetzung der
Unterrichtspflicht fordern. Denn offenbar kann auch im Schulbetrieb die
kapitalistische Verwertungslogik nicht ausgesetzt werden. Es regiert der
Produktivismus: die Heranzüchtung neuer Arbeitskräfte für die Volksgemeinschaft
darf auch nicht vor der Quarantäne halt machen. Schließlich müssen die dem
Corona-Virus geopferten Arbeiterheere ersetzt werden. So spitzen sich unter den
Bedingungen der jetzigen Pandemie die bestehenden Klassengegensätze weiter zu:
wem aufgrund sozio-ökonomischer und milieubedingter Benachteiligung der
Nachvollzug des Online-Unterrichts nicht möglich ist, wird somit weiter
abgehängt. Die ins deutsche Schulsystem eingebrannte soziale Abwärtsmobilität
wird noch einmal beschleunigt. So gilt auch hier das Beispiel der streikenden
Fabrikarbeiter*innen aus dem Baskenland: dem Streik in der Fabrik gilt es einen
Streik in der (digitalisierten) Schule folgen zu lassen – Freitags und am Rest
der Woche.
Gerade in Zeiten
von Versammlungsverboten, Veranstaltungsabsagen und der Schließung sozialer
Treffpunkte müssen eine gemeinsame Kritik der herrschenden Zustände und eine
Zukunftsperspektive erarbeitet werden, die im Jetzt über das Jetzt
hinausweisen. Frei nach Brecht: Umstürze finden in Sackgassen statt, oder
nehmen eben ihren Ausgangspunkt in der Quarantäne. Nun da praktische
Solidarität und politischer Protest dezentral ablaufen müssen, ist es eminent
diese Debatte und diesen Forderungskatalog in die Öffentlichkeit zu tragen.
Eine Fortsetzung des Status Quo unter
autoritären Vorzeichen wie nach der Finanzkrise 2007/8 wäre katastrophal. Lasst
uns nicht von den Versprechungen und betroffenen Reden unserer Herrschenden
einlullen. Das Recht auf Versammlungsfreiheit ist ausgesetzt. Gleichzeitig darf
die Produktion in den meisten Betrieben weiterlaufen. Es wird unsere Klasse
geopfert, um die Kapitalverwertung aufrechtzuerhalten. Die herrschende Klasse
hat bereits längst ihre Entscheidung getroffen. Ihre Interessen stehen denen
der arbeitenden Bevölkerung diametral gegenüber. Ja, die herrschende politische
Ökonomie nimmt bereitwillig den frühzeitigen und verhinderbaren Tod gewaltiger
ArbeiterInnen-Massen im Kauf. Kapitalismus ist lebensgefährlich.
Wir sind nicht alle Deutsche, Italiener, Franzosen, Spanier, usw.: wir sind die
Verdammten dieser Erde! Unsere Arbeit macht diese Welt, aber an ihren
Reichtum haben wir nicht Teil. Die
gegenwärtige Rede von systemrelevanten Sektoren der Wirtschaft zeigt die
Verletzlichkeit kapitalistischer Wertschöpfungsketten auf. Diese Arbeit ist
nicht entbehrlich. Sie ist gesellschaftlich notwendig, um den Zusammenbruch des
kapitalistischen Systems zu verhindern. Lasst uns dieser Macht bewusst werden!
Denn es ist an der Zeit diese Welt zurückzuverlangen.
Wir
dürfen nicht die Narrative des bürgerlichen Staates zur Unterscheidung zwischen
lebens- und nicht-lebenswertem, betrauerns- und nicht-betrauernswürdigem,
nützlichem und unnützem Leben übernehmen. Unser Kampf gilt dieser sozialdarwinistischen
Staatspraxis, die letztlich im Interesse des Kapitals das Massensterben der
schwächsten Glieder dieser Gesellschaft sanktioniert.
Im
Sinne der Internationale: „Ein Nichts zu sein, trägt es nicht länger. Alles zu
werden, strömt zuhauf!“ Kampf diesen sozialdarwinistischen Zuständen! Hoch die
internationale Solidarität!

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