[Selene] Ich scheiß auf eure Systemrelevanz


Welch wundersame Bilder diese Corona-Krise doch produziert. 
Jobcenter-Chef*innen, die den hohen Sockel ihrer Verwaltungsblase verlassen haben und unermüdlich daran arbeiten, dass ALG II-Empfänger*innen ausnahmsweise unbürokatisch existenzsichernde Leistungen erhalten.Gesundheitsmanager*innen, die die Fehlbarkeit ihrer Personalentscheidungen und Einsparungen in zahlreichen Kliniken nun eingesehen haben und tatkräftig bei der Versorgung von Patient*innen mit anpacken und geloben, auch kostenintensive medizinische Versorgung in Zukunft für wirklich alle Bürger*innen besser auszubauen. Sogar von Herrn Quandt und Frau Klatten war die Rede, als sie öffentlichkeitswirksam verkündeten auf  die Dividende aus dem Jahr 2019 in Höhe von 1 Milliarde Euro zu verzichten um Mitarbeiter*innen mit Werksverträgen endlich feste Anstellungen und bezahlten zusätzlichen Urlaub in Zeiten der Krise bieten zu können.
Es  geschehen Zeichen und Wunder in diesen schweren Zeiten.
Nicht.
Eigentlich ist alles wie immer, nur unter dem Brennglas der neuen Begrifflichkeit „systemrelevant“ sichtbarer und furchteinflößender, da plötzlich einigen Klopapier hortenden Mitbürger*innen im Homeoffice klar wird, dass es bei so einigen Jobs ziemlich wurscht ist, ob sie heute, morgen oder gar nicht getan werden. Nicht ganz so egal ist es jedoch ob Pflegerinnen, Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen, Putzfrauen und Einzelhandelskauffrauen von heute auf morgen ihre Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung stellen. Und ja, ich schreibe ausdrücklich von Frauen. Denn spannenderweise sind es genau diese Tätigkeiten, die dieser Tage sowohl in social media als auch in real life jede Menge Lob und Anerkennung in Form eines netten Wortes, der tausendsten Packung Merci-Pralinen oder eines milden Lächelns erhalten, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Nice to have. Aber so lange Billo-Pralinen und mitleidig-gütige Danksagungen nicht als Zahlungsmittel akzeptiert werden, braucht es vor allem bessere Arbeitsbedingungen und eine Entlohnung, die eben diese Systemrelevanz widerspiegelt.
Spannend ist es doch hinzusehen, von welcher „Relevanz“ in welchem „System“ wir überhaupt sprechen. So lange unser fein abgestimmtes und bis auf ein Minimum an existenzsichernden Löhnen und personell gekürztes Gesundheits- und Sozialsystem, sowie für die Versorgung unverzichtbare Jobs wie beispielsweise im Einzelhandel in krisenlosen Zeiten funktionierte, verhallten Forderungen verschiedenster Arbeiter*innen im Nichts. Evtl kein Zufall, dass gerade in diesen Berufsbranchen die Anzahl an Burn Out-Erkrankungen mit am höchsten sind, wo Individuen die Verfehlungen eines Systems in Jobs mit hoher Verantwortlichkeit täglich aufs Neue stemmen müssen. Und auch Meldungen wie diese vom 01.10.2019, dass Kinderstationen in vielen Krankenhäusern geschlossen werden, da sie nicht gewinnbringend genug sind und chronisch kranken Kindern überlebenswichtige Behandlungen nicht mehr gewährleistet werden kann, wurde sowohl von der breiten Öffentlichkeit, als auch von Linken eher mit einem resignierten Schulterzucken wahrgenommen.
Zu sehr hat man sich an den Umstand gewöhnt, dass die neoliberale Sparlogik ganz praktisch Menschenleben kostet. Kapitalismus tötet. Solange dies jedoch nicht den sozialen Frieden bedroht, sondern „nur“ die üblichen Verlierer dieses Systems trifft wie chronisch Kranke, BPoC, Arme, Flüchtlinge oder schwangere Frauen (Stichwort Mangel an Hebammen und geschlossene Kreißsäle), so lange wurde dieser systemische Sozialdarwinismus in einer entsolidarisierten Gesellschaft scheinbar vereinzelter Individuen resigniert zur Kenntnis genommen. Diese Menschen wurden augenscheinlich nicht als „systemrelevant“ genug angesehen, um ihnen die notwendige Versorgung zukommen zu lassen. Und unnötig ist es dabei zu erwähnen, dass beinahe jedem kaputt gesparten öffentlichen Sektor ein privatfinanziertes teures Äquivalent gegenübersteht. Egal ob Kitas mit frühpädagogischer Sprachförderung, Schulen und Internaten mit durchschnittlichen monatlichen Kostenbeiträgen von3000,-€ , Kliniken und Pflegeheimen mit „Wohlfühlambiente“: Wer über genügend Vermögen besitzt saß noch nie im selben Boot wie die meisten Arbeiter*innen und tut es in Zeiten von Corona erst recht nicht.
Letzteren dämmert jedoch nun hoffentlich, von welcher Relevanz ihre Arbeit ist, sei es beispielweise für einen Automobilkonzern und der Anhäufung von Dividenden einiger Aktionäre, die aufgrund von Verlusten schnell mal nach Kurzarbeit schreien oder ganz konkret im chronisch unterfinanzierten pflegerischen Bereich: Das kapitalistische System und seine Profiteur*innen besaßen in krisenlosen Zeiten die Deutungshoheit, welche Tätigkeiten und Positionen besonders relevant (aka gewinnbringend) sind und gut entlohnt wurden. Der Rest lief auf Sparflamme. Es wird Zeit, darauf zu reagieren und allen Profiteuer*innen einzuheizen. Corona gießt Öl ins Feuer.
Ich persönlich jedenfalls, kann gut auf eine Frau Klatten verzichten. Auch profitgeile Gesundheitsmanager*innen brauche ich nicht. Was wir alle brauchen und wofür es sich zu kämpfen lohnt, sind beste Bedingungen und hohe Löhne für care-Arbeiter*innen.

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