[Settembrini] We're all Keynesians Now - Kurze Bemerkung zu Wirtschaftspolitik und Opferkult


Man sagt, auf dem Sterbebett gäbe es keine Atheisten mehr. Auf jeden Fall zeigt sich momentan, dass in der Krise auch die überzeugtesten Neoliberalen zu Keynesianern werden. Man sollte allerdings vorsichtig sein bei der Bewertung jener 'Verstaatlichungen', die derzeit von der Rechten mit Schaudern und von der Linken mit bräsiger I-told-you-so Attitüde aufgenommen werden. Über das gesamte politische Spektrum hinweg erfolgen diese Reaktionen nur allzu reflexhaft.
            So lohnt sich zunächst ein genauerer Blick auf die Stabilitätsmaßnahmen, die in den letzten Tagen in den USA getroffen wurden. Als die Federal Reserve am 12. März ein Stabilitätspaket von 1,5 Billionen Dollar ankündigte, sahen viele dies als Beweis dafür, dass die öffentlichen Mittel, die dem Gesundheits- und Bildungssystem verweigert werden, sehr wohl vorhanden sind. Nämlich dann, wenn es um die Unterstützung der Geldmärkte gehe. Die implizite Hoffnung hier war, dass innerhalb der momentanen Wirtschaftsordnung die richtigen Mittel durchaus noch zur Verfügung stehen würden. Sie seien eben nur auf die falschen Ziele ausgerichtet worden. Man übersah dabei, dass es sich hier nicht um Staatsausgaben handelte, sondern um ein kurzfristiges Darlehensprogramm der Zentralbank. Diese Darlehen werden zwar zu vergleichsweise geringen Zinsen verliehen, sind aber selbst wiederum kolletaralisiert, d.h. durch Staatsanleihen gesichert, die im Falle der Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers den möglichen Verlust voll decken.[1] Es stimmt zwar zunächst, dass die künstliche Garantie von für den Markt unmöglichen Konditionen de facto einer Form von Subvention gleichkommt. Es lässt sich dies aber nicht mit einem fiskalpolitischen Stimulus gleichsetzen, bei dem eine direkte Investition von Staatsmitteln erfolgt. Trotz der beachtlichen Geldsummen ist dieser Schritt also keinesfalls so radikal wie er zunächst erscheint.
            Auch da, wo der Eingriff die Realwirtschaft betrifft, besteht wenig Grund für Optimismus. Wenn momentan von Verstaatlichungen geredet wird, geht es entweder um die Kollektivierung der Schulden von Unternehmen mit genügend wirtschaftlichem Gewicht, oder aber um den teuren Rückkauf von systemrelevanten Bereichen, die oftmals noch vor wenigen Jahren zu Spottpreisen privatisiert wurden.
            Selbst die direkten Transferzahlungen, die das Überleben oder zumindest die kurzfristige Kaufkraft sicherstellen sollen, wie sie z.B. in den USA umgesetzt und in Italien diskutiert werden, sind fiskalpolitisch betrachtet eine Verlegenheitslösung. Sie sind weniger Zeichen einer grundlegenden Neuausrichtung, als Mittel, um einen unbürokratischen Nachfrageanreiz zu erzeugen, ohne strukturelle Veränderungen vornehmen zu müssen.
            Alles derzeitigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen dienen dem Zweck, keine tatsächliche Veränderung nötig zu machen. Nach Art einer Pastiche zitiert das neoliberale Paradigma gerade Wirtschaftsinstrumente aus dem Keynesianismus des 20. Jahrhunderts, ohne dass es für jenen heutzutage eine soziale oder ökonomische Basis gäbe.
            Vor diesem Hintergrund erscheinen die Forderungen nach einer schnellen Rückkehr zum (wirtschaftlichen) Normalfall nicht als Kehrseite, sondern als Komplement einer global immer noch nach denselben Glaubensgrundsätzen ausgerichteten Wirtschaftspolitik. Einzig die Unbedarftheit, mit der sie geäußert werden, zu einem Zeitpunkt, an dem der Scheitelpunkt der Krise noch nicht einmal absehbar ist, wirkt wirklich verblüffend. Während Arbeitgeberverbände zusammen mit der FDP und dem wirtschaftsliberalen Flügel der CDU/CSU nach einer "Exit-Strategie"[2] verlangen, sind ihre US-Amerikanischen Gegenparts sehr viel direkter. Am medienwirksamsten war hier die Forderung Dan Patricks, des Vizegouverneurs von Texas: er schlug vor, Senioren sollten sich bereitwillig  opfern, um das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden.[3]
            So unterschiedlich diese beiden Forderungen sich in ihrer Drastik anhören, so sehr laufen sie auf dasselbe hinaus: das kalkulierte Opfer menschlichen Lebens. In beiden Fällen ist es eine Forderung, die an die Regierung gerichtet wird, aber eigentlich einem ganz anderen Adressaten gilt. Das Zeichen der Opferbereitschaft ist an den Markt adressiert. Die Archaik dieses Menschenopfers steht aber nur in einem scheinbaren Widerspruch zum technokratischen Jargon der Wirtschaftswissenschaften, der die Debatten hierzulande noch prägt. Weit weg davon nur kuriose Ausrutscher zu sein, rühren die apokalyptischen Opfermetaphoriken Dan Patricks und seiner Glaubensgenossen an einen zentralen Widerspruch in den nach wie vor von der neoklassischen Synthese dominierten Wirtschaftswissenschaften.
            Deren systematische Mimikry an die Naturwissenschaften, die zunehmende Reduktion der Fragestellungen auf Modellkonsistenzen und die mittlerweile größtenteils erfolgreich abgeschlossenen Kampagnen zur Umbenennung der Studienabschlüsse in B.Sc/M.Sc, können nichts daran ändern, dass der Untersuchungsgegenstand kein Naturgesetz, sondern ein soziales Verhältnis betrifft. Ein Verhältnis, welches in der heute antiquierten Rede von der "politischen Ökonomie" noch ein Echo fand. Im Bezug zu diesem Verhältnis befindet sich die Volkswirtschaftslehre - all dieser Ideologieproduktion zum Trotz - in der Position eines prekären Exegeten. Den Willen des höheren Wesens liest sie, statt aus dem Flug der Schwalbe und der Leber des Opfertiers, aus den Bewegungen der Preisindizes und den Schwankungen auf dem Derivatenmarkt. "Der Markt" steht an der strukturellen Position dessen, was man in der Psychoanalyse einen großen Anderen nennt: eine Instanz deren symbolische Herrschaftsordnung dem Subjekt den Raum vorgibt, innerhalb dessen begehrt werden kann. Eine Instanz also, die dem Subjekt den Rahmen des Möglichen vorgibt. Im Versuch, dieses Mögliche auszutarieren, stellt sich das Subjekt die Frage nach dem Begehren des großen Anderen: was will er von mir? Nimmt man die Sprache ihrer Akolyten ernst, dann ist der Markt eine solche Instanz. Er ist etwas dem "zugehört"[4] wird, das "besänftig"[5] werden muss und nicht "gestört"[6] werden darf; etwas dem man im Ernstfall eben auch ein Opfer zu bringen hat.
            Doch mit Ideologiekritik allein ist es nicht getan. Denn natürlich wissen die Akteure, dass es sich hier nicht um eine autonome Entität, sondern lediglich um den Aggregationseffekt von Angebot und (zahlungskräftiger) Nachfrage handelt. Doch diese Aggregation selbst produziert dieses Verhältnis notwendigerweise den Effekt einer realen Abstraktion[7], sodass sich die Akteure zu ihr verhalten müssen, so als ob sie eine ebensolche Entität wäre.
             Die Maßnahmen, die zurzeit getroffen werden, sind innerhalb der Logik des Wirtschaftssystems, das einen solchen Markt hervorbringt, nur folgerichtig. Es gibt selbstverständlich eine neolilberale Ideologieproduktion, die immer noch politisch wirkmächtig ist, aber in letzter Instanz gehorchen politische und ökonomische Entscheidungsträger den Sachzwängen.
            In einer Wirtschaftsordnung, die demokratischer Kontrolle untersteht, wäre die Einstellung der Produktion nicht-essentieller Güter, seien es Flugzeugturbinen oder Handyhüllen, während einer Krise kein größeres Problem. In einem System allerdings, das bei maximaler Interdependenz für minimale Redundanzen sorgen muss und dessen Lieferketten auf die geringstmögliche Lagerzeit qua just-in-time Produktion ausgerichtet sind, ist eine solche Produktionspause eine existenzielle Bedrohung.
            Deshalb greifen viele der empörten Reaktionen letztlich zu kurz, vor allem da, wo sie als moralische Entrüstung daherkommen. Sieht man sich beispielsweise die Reaktion auf die Aussetzung der Mietzahlungen durch Adidas an, erhält man den Eindruck, es habe wohl einer weltweiten Pandemie bedurft, damit zumindest Teile der Öffentlichkeit feststellen, dass Unternehmen profitmaximierend handeln und jede Wirtschaftsethik immer nur als Funktion dieser Profitmaximierung Relevanz hat. Und doch bieten diese Empörungen momentan den Punkt, an dem die Widersprüche dieses ökonomischen Systems am deutlichsten zu Tage treten und daher auch politisch artikuliert werden können. Vom Gelingen dieser Politisierung hängt ab, ob diese Wirtschaftsordnung auch diese Krise überleben wird und welche Opfer das kosten wird.




[1]     Im Detail: bei diesem Prozess verleiht die Federal Reserve bei einem Rückzahlungstermin von 1-3 Monaten zu relativ niedriger Verzinsung Geld an Banken. Gleichzeitig ist dieses Darlehen kolletaralisiert, d.h. durch einen anderen Wert gedeckt, wie z.B. ein Darlehen beim Kauf eines Hauses durch eine Hypothek auf das Haus gesichert ist. In diesem Fall ist der Sicherungswert eine Anzahl von Staatsanleihen deren Wert den Darlehenswert übersteigt. Kommt es zu einem Zahlungsversäumnisses, wird jeder mögliche Verlust der Federal Reserve über diese von den Banken als Sicherheit gewährten Staatsanleihen aufgefangen.
[5]     Mihalyi, Peter  (2006): “Last Chance: An Eighteen-Month Program for Stabilization and Reforms in Hungary”. In: Eastern European Economics 44,6. S. 47. Online unter: https://www.researchgate.net/publication/236341258_Last_Chance_An_Eighteen-Month_Program_for_Stabilization_and_Reforms_in_Hungary.
[7]     Das Konzept der Realabstraktion bezeichnet im Werk Alfred Sohn-Rethels einen Vorgang, bei dem die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht nur ideell, sondern 'wirklich' reduziert werden. Dieser Abstraktionsvorgang ist unabhängig von dem Bewusstsein der Akteure.

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