[Naphta] Ballermann bis zum Schluss.


Versonnen sah ich heute morgen durch mein Fenster. Ein Spalt zur Welt und Wirklichkeit, von der ich mich nach nur wenigen Tagen in der Enge der Wohnung abgeschnitten fühlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ea/Paul_F%C3%BCrst%2C_Der_Doctor_Schnabel_von_Rom_%28coloured_version%29.pngIch öffnete meinen Laptop, um zu versuchen, optimistisch und über Schönes in den Zeiten der Seuche zu schreiben. Darüber, wie schön und innig das Zusammenleben mit der Liebsten ist, zu der ich während der Quarantäne gezogen bin, oder darüber, wie sehr sich durch die erzwungene Distanzierung die Beziehung zu FreundInnen intensiviert. 
Während ich noch darüber nachdachte, bog ein Auto um die Ecke und kam direkt unter meinem Fenster für einige Minuten zum stehen. Einer der Sportschlitten, den man in dieser Stadt der geistlosen Reichen fährt, wenn man über zu viel Geld und zu wenig Geschmack verfügt. Was der Fahrer dort unter meinem Fenster wollte, weiß ich nicht, doch blieb er einige Minuten stehen, und öffnete das Fenster.
Wie zur Bestätigung der Hirnlosigkeit des BWL-Justus, der diese Maschine lenkte, drang plötzlich seine Musik durchs geöffnete Autofenster. "Bella Ciao" in der Version von DJ Ötzi.
Einst sangen die Arbeiterinnen auf den Reisfeldern der Po-Ebene dieses Lied, um ihre Brotherren anzuklagen. Später - und dies brachte dem Lied die Weltbekanntheit- übernahmen es die kommunistischen Partisanen, die gegen Hitler und Mussolini kämpften und dichteten es um: Es wurde ein Lied, das einerseits vom Tod und der Opferbereitschaft sang ("Oh nehmt mich mit euch, ihr Partisanen/ .../ Denn ich fühl der Tod ist nah") und andererseits von der Hoffnung auf Befreiung: Der sterbende Partisan wünscht, im Schatten einer Blume begraben zu werden, damit in Zukunft alle Passanten, diese Blume ansehen und sagen: Dies ist die Blume des Partisanen, der für unsere Freiheit starb. Im Moment des Sterbens ist also die volle Hoffnung auf den Sieg lebendig. Bella Ciao besingt nicht den Tod, sondern ist darum ein antifaschistischer Widerstandssong, da hier nicht der Ordnung des Todes nachgegeben wird, sondern dem Tod in der Hoffnung getrotzt wird.
DJ Ötzis Version, aus betrunkenen Kehlen in jeder Volksbelustigung vom Feuerwehrfest Wanneeickel bis zum Skizirkus in Ischgl gegrölt, dreht diesen Inhalt um:
Ein kurzer Auszug:



Der Vulkan, auf dem wir tanzen,
Der ist kurz vor'm explodier'n.
Schönen Gruß an die Welt,
Wir haben nichts mehr zu verlier'n.
So jung wie heute Abend
Sind wir morgen schon nicht mehr.
Egal, was wir auch sagen,
Ein volles Glas wird zu schnell leer.


Die Partisanen verachteten den Tod, sie gewannen dem Sterben noch Schönheit ab. Dieser Akt an sich war Widerstand gegen die faschistische Ordnung des Sterbens. Denn das ist der Faschismus: Ein Todeskult. Die kulturkapitalistische Aneignung dieses Lieds durch DJ Ötzi löscht nicht nur aus, was es war: Sein politischer Kern wird vernichtet. Aber mehr: Sein Sinn wird umgekehrt: DJ Ötzi befeiert hier die Vernichtung. Man tanzt auf dem Vulkan, der demnächst explodieren wird. Die Freude ist nicht die Hoffnung auf die Befreiung nach dem Tod, die die Partisanen antrieb, die einzige Hoffnung, der Zukunftshorizont dieses Liedes, ist der Tod. Es ist ein besinnungsloses Feiern, eine Befeierung des Todes. Nur darum ist Freude möglich da man nichts mehr "zu verlier'n" hat. 
Im Grunde ist es fragwürdig, warum dieses Lied überhaupt ein Feiersong ist: "Ein volles Glas wird zu schnell leer" - was ist dies, als die Aussage der Depression schlechthin. In jeder Fülle wird schon die Leere erkannt, die Vernichtung, der Tod.  Es ist dies weniger Ausdruck der Lebensfreude, sondern einer Sehnsucht nach dem Tod, ein barbarischer Genuss am Ende und an der Leere.Nichts wird hier gefeiert, nicht das Leben, nicht die Hoffnung, sondern aggressiv in die Vernichtung getanzt.
Man könnte durchaus davon sprechen, dass hier das faschistische Moment in dieser Neudichtung des Feier-DJs zum Ausdruck kommt. 
Es handelt sich hier um einen kulturkapitalistisch gewendeten Faschismus. Um eine latente Todessehnsucht, einen Trieb zur Vernichtung, den unsere Gesellschaft verinnerlicht hat: Der klassische Neoluberalismus kannte wenigstens noch die egomanische Selbstsorge, das Leitbild starker Individuuen, die sich im Kampf jeder gegen jeden durchsetzen. Wenn hier wenigstens noch ein Restfunke des klassischen Liberalismus anwesend war, der letzte Moment einer sterbenden Aufklärung, ist dies nun im allgegenwärtigen Todestriebs des Kapitals verschwunden. Es geht nicht mehr um das Versprechen des Genusses durch den Markt, ja es geht nicht mal mehr um den Erfolg, um die Möglichkeit des Genusses.All dies ist verschwunden, es ist "egal was wir auch sagen" und jeder Tanz ist schon ein Tanz in der Explosion des Vulkans. Der Egoismus verschwindet in einem Meer aus bloßer Selbstbestätigung der eigenen Vernichtung. Es spricht hier nicht mehr die Fantasie des Genießens, sondern das Kapital selbst, das nach seiner eigenen Vernichtung strebt, um so Platz zu schaffen, für eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte, für seine stetige Expansion.
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Angeekelt schaue ich aus dem Fenster und denke mir, dass dieses Lied eine treffende Hymne für all die neoliberalen Jungvolkscharen, die auch nach Ausbruch von Corona noch dichtgedrängt in Ischlg 'feierten', ist. Es ist die Hymne des späten Kapitalismus, der Hüttenwirte, denen der Tod ihrer Mitarbeiter und Gäste egal ist, es ist die Hymne derjenigen, die Ballermann bis zum Schluss fordern. Denen  nicht nur das Sterben der anderen, sondern auch das eigene Leid egal ist. Die todesverliebt in der Feier nur die Vernichtung ihres Bewusstseins sehen und in der Vernichtung nur einen Akt des Feierns.  Es ist dies die Hymne der geistlosen  Herrenvolkdemokratie,von der [Saint-Just] heute schrieb.
Und wie sooft schäme ich mich, dieser Nation anzugehören und fühle mich schuldig vor dem Andenken derjenigen, die einst mit Bella Ciao auf den Lippen in der Hoffnung auf den Kommunismus entschlafen sind. 
Es ist die Seuche, in diesem Land. Und Corona bringt dies vielleicht erst deutlich hervor.

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