[Naphta] Corona-Müdigkeit und weitere Fragmente
Ich muss mich entschuldigen. Die letzten Tage wollte, nein
konnte ich schlicht nichts schreiben, bzw. Texte auf den Blog hochladen
(demnächst wird es Texte von zwei neuen AutorInnen – nämlich Clickbait Pangolin
und Selene- geben). Ein Zustand hat sich meiner bemächtigt, den man vielleicht Corona-Müdigkeit nennen könnte.
Ich wachte Freitag auf, und war es leid auf den sozialen
Medien dauernd Nachrichten zu Corona zu lesen, Auf Spiegel, SZ, Zeit und Co,
konnte ich nicht mehr gehen. Nicht weil es mich zu sehr aufregte, die
Nachrichten, das dauernde Gebabbel, alles zu Corona ermüdete mich plötzlich bis
zur Erschöpfung. Wie ein Vampir Blut zieht, hatte ich das Gefühl, dass Corona
meine Energie zieht. Ich wollte nichts mehr davon wissen, nicht mehr dazu
schreiben. Mails von einem indischen Genossen, mit dem ich Corona diskutierte,
ließ ich ebenso unbeanwortet, wie Nachrichten von GenossInnen aus Bayern. Ich
war übersättigt.
Und bin es immer noch ein wenig.
Dieses Gefühl mag damit zusammenhängen, dass ich bis zum 15.
3. intensiv an einem großen Projekt gearbeitet und es kurz vor Quarantänebegínn
abgeschlossen habe, also immer noch sehr
erschöpft bin. Andererseits glaube ich, dass es vielen ähnlich ergeht, die
Coronamüdigkeit nicht nur mein persönliches Problem ist: Die Dauerbeschallung
überanstrengt.
Dagegen hilft nur, Coronafreie Zeiten einzulegen. Die
Liebste und ich beispielsweise beschlossen, zwei Stunden am Tag ein anderes
Gesprächsthema zu haben, um Freiräume zu schaffen. Etwas, was ich nur allen
raten kann. Es entspannt.
Auf diesem Blog
werden wir ebenfalls diese Woche einen solchen Freiraum schaffen, mit einem
Beitrag von Clickbait Pangolin zu einer ästhetischen Frage, an deren Diskussion
alle aufgerufen sind sich zu beteiligen. Des Weiteren wird es diese Woche neue
Texte unter anderem von [Robespierre] und [Saint-Just], sowie von anderen
GenossInnen geben.
Ich selbst werde weiter meine Notizen veröffentlichen. Auch
während meiner Corona-Müdigkeit entstanden einige, die ich nun ungeordnet als
Fragment präsentiere:
+++++++++
Ein Graus sind mir die deutschen Linken. Ununterbrochen lese
ich weinerliches Rumgeheule von Linken, der Ausgangssperren wegen. Dies sei
undemokratisch und lauter solchen Unsinn. Meist kommt dies von Seiten
irgendwelcher Linksparteiabgeordneten oder DKPlern.
Man könnte viel dazu sagen. Schon dass man so sehr
Freiheitsrechte und Demokratie abfeiert ist fragwürdig. Interessant ist aber
auch folgendes: Zu Recht beklagen diese Linken, dass trotz der Quarantäne der
Zwang, zu arbeiten besteht. Dies ist ein Unding, wie, keine Frage, das
autoritäre Bestreben des Staates und insbesondere der Polizei (man kann sich
vorstellen, dass sich mancher kleine Streifenpolizist nun sehr sehr mächtig
fühlt…ich verweise gerne auf Reich, um die psychische Konstitution solcher
Individuen zu bewerten). Doch was machen diese Linken? Sie appellieren an den
Staat dies zu ändern, oder, sogar noch schlimmer, maulen nur von der
Seitenlinie, ohne irgendetwas vorzuschlagen.
Wo sind die Aufrufe zum Generalstreik? Wo sind die
konzentrierten Aktionen der linken Parteien? Warum bildet die Linkspartei keine
Solidaritätskomittes? Warum organisieren all die großen linken Orgas nun keine
Propaganda und Agitationsarbeit? Warum kann die Linke nur maulen?
Die einzigen, die ein wenig was tun, sind kleine, autonome
Gruppen. Und diese, dies habe ich selbst erleben müssen diese Woche, sind
erstens unorganisiert, unpünktlich und undiszipliniert und kommen zweitens
nicht über „lasst uns der Oma von neben an einkaufen gehen“ hinaus. Die
Situation bleibt ungenutzt. Man hilft vielleicht, oder mault, macht aber nix.
Wie immer halt.
Dies macht mir Angst.
Und ich bin zornig. Besonders, wie so oft, auf die
Linksparteiabgeordneten, die feige und angepasst sind. Man sollte sich stets
dran erinnern: Die Linkspartei in Parlamenten ist zu nichts nutz, als sinnlose
Strafanzeigen zu stellen.
++++
Viele Leute, denen ich in sozialen Medien verbunden bin,
gehören zum gehobenen Bildungsbürgertum.
Lese ich deren Beiträge, so fällt mir positiv auf, dass
keiner, selbst die liberalsten, irgendwelche Illusionen in den deutschen Staat
haben. JedeR sieht, dass diese Krise eine des Kapitalismus.
Sozialdarwinistische Positionen werden, zumindest in meinen Blasen, allgemein
abgelehnt.
Das ist gut.
Was mir aber auffällt: Es herrscht allgemein in diesen
Kreisen, eine unendliche Selbstbezogenheit. Man weiß zwar, dass Corona die
Schwächsten bedroht, in den Postings, die ich aber sehe, geht es stets nur um die
Situation in den eigenen vier Wänden. Dies und jenes wird beklagt, mal macht
man Spaß über Quarantäne, mal bejammert man es, eingeschlossen zu sein. Doch
wie auch immer: Keinen Beitrag las ich, der reflektiert, wie es nun wohl
Menschen geht, die nicht in den grünen Vorstadtvierteln wohnen, sondern im 10
Stock eines runtergekommenen Blocks, wie es den Obdachlosen ergeht, den
Geflüchteten in den Lagern.
Es fällt auf: Nur Kommunisten, wie ich selbst, interessieren
sich für die Situation der Entrechteten, für sie Situation derer, die keine
Stimme haben. Die bildungsbürgerliche Elite, an Butler geschult, ignoriert dies
in Selbstbezogenheit. Dies ist noch nicht einmal ein Vorwurf: Meine Vermutung
ist eher, dass diese Leute meinen, ihre Welt, sei die Welt. Alles andere,
außerweltlich.
++++
Schrecklich stelle ich mir nun Einsamkeit vor. Mich
erschüttert der Gedanke, dass es nun Millionen gibt, die ohne Kontakt, ohne
soziales Leben in ihren Wohnungen hocken, während die Wände immer näher kommen.
Wir müssen nachdem dies alles überstanden ist, über
Vereinsamung reden, hier was tun.
Ich jedenfalls bin sehr froh, meine Liebste bei mir und sehr
sehr viele gute Freunde um mich zu haben. Täglich zu telefonieren, zu skypen
und mit der Liebsten zu sein, ist eine Gnade. Ich wünsche, so denke ich mir oft
in der Nacht, dass die Einsamkeit aus der Welt verschwindet.
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