[Robespierre] Corona und der Klassenkampf // Teil 1: Klasse


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Wie versprochen, die erste folge zu marxistischer Theorie und Corona

Corona führt uns allen die Wahrheit über die Klassengesellschaft und unsere Position darin in aller brutalen Deutlichkeit vor Augen.
Nehmen wir social distancing: Wer in einer 25-Zimmer Villa in Grünwald lebt, nun, was interessiert es den, wenn er nicht raus darf? Er legt sich in seinen Pool, und genießt den Frühjahr. Wer dagegen, wie ich, am Rande der Arbeitslosigkeit, in einer kleinen Einzimmerwohnung haust, für den fühlt sich die Isolation schnell wie ein Gefängnis an.
Zweites Beispiel: Wer einen normalen Job hat, die KassiererInnen, die AutomobilarbeiterInnen, die BauarbeiterInnen, wie sollen die daheim bleiben, und soziale Kontakte vermeiden? Die Milliardäre Kaliforniens dagegen, die Bezos und Musks, können sich ohne Probleme in ihre von Privatarmeen gesicherte Bunker auf Neuseeland zurückziehen.
Ein drittes Beispiel: Kinder werden derzeit daheim unterrichtet. Von Eltern wird erwartet, über einen PC und Internetanschluss zu verfügen und den Kinder beizustehen. Die Dozententochter wird keine Probleme damit haben, ihre gebildeten Eltern werden ihr wunderbar helfen können. Der Sohn einer Migrantenfamilie, dessen Eltern kein Deutsch sprechen, ist dagegen verloren und wird die nächsten Wochen vielleicht nie aufholen können.
Dies alles mag beim Lesen ungerecht erscheinen. Und, keine Frage, es ist auch ungerecht. Aber, wichtig ist sich klar zu machen, dass  es sich hier nicht um moralisches Versagen unserer Gesellschaft handelt. Stattdessen entspricht, was wir nun beobachten können, dem Wesen der gegenwärtigen Gesellschaftsform. Es sind dies die Auswirkungen der Klassengesellschaft.
Das Konzept der Klasse ist einer der zentralen Begriffe im Marxismus.
Karl Marx geht in seiner Analyse und Gesellschaftskritik von der Produktion aus: Menschen müssen, um überhaupt Menschen zu sein, produzieren. Das heißt: Sie leben nicht wie die Tiere mit und von der Natur, sondern sie schaffen Dinge: Werkzeuge, Unterkünfte, Maschinen. Dadurch verändern sie die Welt und auch ihr Leben: Die Einführung von Eisenbahnen zum Beispiel beschleunigte und verbilligte das Reisen und den Transport von Gütern, wodurch Menschen schneller in Kontakt miteinander kamen, über die Welt lernten, usw.
In der Produktion nehmen Menschen jetzt aber verschiedene Stellungen ein: Man bringt uns in der Schule vielleicht bei, dass jeder seines Glückes Schmied sei, jeder könne, mit Talent etwas werden, man müsse sich nur anstrengen. Millenials lachen vermutlich über diese Lüge nur. Es zählt, wie wir wissen, nicht Talent, sondern der Besitz. Wer schon Vermögen hat, der wird mehr Vermögen bekommen, der Rest muss schauen wo er bleibt. Dies kann man aber verallgemeinern: Es geht hier nicht um Reichtum an sich (die Rede von „1%“ ist einfach nur ungenau und strukturell antisemitisch), sondern darum, dass es seit der Mensch Zivilisationen gründete, die Gesellschaft in Klassen zerfällt: Es gibt Gruppen von Menschen, die Besitz an Produktionsmittel ausüben, das heißt: ihnen gehört das Land, die Fabriken und Handwerkstätten, die Banken, kurz: alles was zur Produktion dient. Und andere Gruppen von Menschen, die keinen besitz an den Produktionsmitteln haben und die also, damit sie arbeiten können (und also überleben), den Besitzern der Produktionsmittel ausgeliefert sind.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse vorm Kapitalismus waren extrem kompliziert, es gab viele Klassen, etwa Sklaven, Plebejer, Ritter, Patrizier im alten Rom, die in komplizierten Beziehungen zueinander standen. Doch im Kapitalismus ist der Unterschied zwischen den Klassen viel einfacher geworden: Kapitalismus, dazu morgen mehr, ist ein System, das auf kollektiver Produktion bei privater Aneignung des Mehrwerts basiert. Arbeiter produzieren gemeinsam, in großen Fabriken beispielsweise, Güter, und werden dafür bezahlt, während die Besitzer der Fabrik, vereinfacht gesagt, den Profit dieser Arbeit einsteckt. Das heißt, es gibt nun eigentlich nur zwei Klassen: Die Klasse der Arbeiter, das Proletariat, und die Klasse der Kapitalisten, derjenigen, die die Fabriken kontrollieren.
Das Proletariat, das sind nun nicht einfach die Fabrikarbeiter, man darf also nicht ein ‚19.Jahrhundert‘ Bild des Proletariers haben: Es sind nicht Kumpels, die im Blaumann aus dem Minenschacht steigen, sondern es sind alle, die keinen Besitz an Produktionsmittel haben und also davon leben müssen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.  Das passiert nämlich, wenn wir einen Arbeitsvertrag eingehen: Wir erlauben dem Besitzer von Produktionsmitteln, für einen gewissen Zeitraum, unsere Arbeitskraft zu nutzen, wofür er uns bezahlt. Der Kapitalist kauft also die Arbeitskraft seiner ArbeiterInnen als Ware. Und andersherum: Im Grunde kann jedeR, der/die keinen direkten Besitz an Produktionsmittel ausübt, zur Arbeiterklasse gerechnet werden: Das heißt nicht, dass z.B. der Manager ein Prolet wäre, da er stellvertretend für eine Kapitalinstanz Kontrolle ausübt, also Befehle gibt und die Produktion kontrolliert. Sehr wohl aber können wir neben den IndustriearbeiterInnen auch die Pflegekraft,   die Kassiererin, vlt. auch der prekarisierte App-Entwickler in Vertragsarbeit zum Proletariat rechnen. Sie alle, die einfachen Menschen, diejenigen, die nichts haben, sind unsere Klasse, das Proletariat.
Wichtig ist nun: Das Proletariat ist, wie der französische, kommunistische Philosoph Jacques Rancière einmal sagte, ein Teil ohne Anteil: Das Proletariat, die Arbeiter sind zwar Teil der Produktion, und zwar der wichtigste: Ihre  Arbeitskraft schafft den Reichtum der Gesellschaft. Aber sie haben keinen Anteil an der Gesellschaft, das heißt: Diese Gesellschaft und dieser Staat ist nicht für uns da und es ist nicht unser Staat. Sondern: Es ist der Staat der Kapitalistenklasse, der, im Zuge der großen bürgerlichen Revolutionen, geschaffen wurde,  um den Kapitalismus durchzusetzen.
Dies  sehen wir im Moment. Der Staat pumpt Millionenbeträge in die Wirtschaft. Er unterstützt die Kapitalisten. Aber: Die Arbeiter müssen weiter arbeiten. Sie werden vielleicht auf Kurzarbeit gestellt- woher sie dann das  Geld haben sollen, um ihre Miete zu bezahlen, ist dem Staat egal. Wie eine Kassiererin ihre Kinder betreuen soll, darum schert sich die Gesellschaft ebensowenig, wie um das Schicksal der Geflüchteten oder Obdachlosen in den Unterkünften und Lagern. Denn dies ist ein Staat und eine Gesellschaftsform, die einzig den Interessen derjenigen, die in den Villen in Grünwald oder den Privatbunkern in Neuseeland sitzen.

Dies  sehen wir im Moment. Der Staat pumpt Millionenbeträge in die Wirtschaft. Er unterstützt die Kapitalisten. Aber: Die Arbeiter müssen weiter arbeiten. Sie werden vielleicht auf Kurzarbeit gestellt- woher sie dann das  Geld haben sollen, um ihre Miete zu bezahlen, ist dem Staat egal. Wie eine Kassiererin ihre Kinder betreuen soll, darum schert sich die Gesellschaft ebensowenig, wie um das Schicksal der Geflüchteten oder Obdachlosen in den Unterkünften und Lagern. Denn dies ist ein Staat und eine Gesellschaftsform, die einzig den Interessen derjenigen, die in den Villen in Grünwald oder den Privatbunkern in Neuseeland sitzen.
Die aktuelle Situation zeigt dies akut. Sie widerlegt postmoderne Ideen von Intersektionalität, das heißt die Vorstellung, dass Menschen aus den niederen Klassen nur eine Form der Diskriminierung erfahren würden, neben anderen Formen der Diskriminierung, wie Sexismus, oder Rassismus. Eine solche Idee, die nur in kleinbürgerlichen Hirnen (Kleinbürgertum ist die Klasse zwischen Proletariat und Kapitalisten, die Klasse, die immer noch parasitär vom System gut leben kann) aufkommen kann. Keiner kann bestreiten, dass es solche Diskriminierungen nach Rasse oder Geschlecht gibt, doch unsere Position im Klassensystem bestimmt und überlagert alles: Ein homosexueller Multimillionär muss sich kaum Sorgen machen, an Corona zu sterben. Er kann in Ruhe in seiner Villa abwarten und sich im Falle des Falles die besten Ärzte leisten. Ein rumänischer Bauarbeiter, der in irgendeinem Container am Stadtrand Münchens lebt, wird, wenn er erkrankt ist, vielleicht ohne Hilfe sein und in einem flachen Massengrab enden.
Die Zugehörigkeit zu unserer Klasse bestimmt also unser Leben und in der gegenwärtigen Situation, unser Überleben. In all unsere n konkreten Erfahrungen, unsere, Auftreten, unseren Chancen, usw. , drückt sich die Klassenrealität aus und damit, die Zerspaltenheit unserer Gesellschaftsformation. Diese führt, das ist ein Thema für den dritten Teil, zum Klassenkampf, bedeutet aber in der gegenwärtigen Situation, dass wir, also: alle progressiven Menschen und alle, die zum Proletariat gehören, nicht auf den Staat vertrauen sollten und uns auch nicht nur über die Ungerechtigkeiten empören sollen. Staat und Gesellschaft helfen uns nicht, wenn wir sterben, ist es egal, es kommen neue ArbeiterInnen nach, daher lassen uns die Kapitalisten weiter schuften, auch wenn wir uns anstecken, und daher schert sich niemand darum, wie es uns geht in der Isolation, wie wir unsere Kinder betreuen, was mit unserer Gesundheit ist.
Aus diesem Grund müssen wir uns selbst helfen. Wir müssen auf einander achten, solidarisch sein. Alten helfen, gegen die Isolation, die psychischen Folgen, die Einsamkeit einstehen, denen, die nicht versorgt sind beistehen, und Strukturen außerhalb und gegen diesen Staat und die Kapitalistenklasse schaffen. Nehmen wir uns ein Beispiel an den GenossInnen inSpanien, die sich zu arbeiten weigern, da ihr Leben in Gefahr ist, oder an denen in Italien, die lebenswichtige Instrumente für Todkranke herstellen.


Morgen kommt der nächste Teil zum Kapitalismus.





Zum Weiterlesen. Marx; Engels: Das Manifest der Kommunistischen Partei

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